BRUNO MENCKE

Bruno Mencke war ein selbsternannter Ethnologe, der seine Forschungsreisen mit geerbtem väterlichen Vermögen finanzieren konnte. Er starb 1901, mit nicht einmal 25 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits gut vernetzt und weit gereist. Zu seinen Kontakten zählten Wissenschaftler:innen, Museumsdirektor:innen und Kolonialakteur:innen. 

Bruno Mencke wurde am 6. Juni 1877 in Hannover geboren, als Sohn von Eberhard und Charlotte Mencke. Nach dem Tod des Vaters im Mai 1896 erbte er ein großes Vermögen, das der Vater als Großkaufmann und Berater sowie durch Anteile und Aufsichtsratsmitgliedschaften in verschiedenen Unternehmen in der Provinz Hannover erworben hatte.1 Dieses Vermögen finanzierte zukünftige Unternehmungen Menckes. Als Sammler brachte Bruno Mencke eine große Anzahl ethnographischer Objekte in den Bestand des Niedersächsischen Landesmuseums ein.

Im Frühjahr 1900 übergab Bruno Mencke dem damaligen Provinzialmuseum Hannover mehrere hundert Stücke aus der Kolonie Deutsch-Neuguinea für die ethnologische Sammlung des Museums. Die genaue Herkunft dieser Objekte war lange Zeit unbekannt, zumal unklar war, ob und wann Mencke nach Deutsch-Neuguinea gereist war. Bekannt war nur eine Reise des Sammlers zu den St. Matthias Inseln, dem heutigen Mussau, auf welcher Mencke am 2. April 1901 verstarb. Offen blieb daher, woher der junge Mann diese reichhaltige Sammlung aus der damaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea hatte.2 Gemutmaßt wurde, dass es sich um eine falsche Datierung in den Eingangsbüchern des Museums handele oder aber, dass der Vater die Sammlung seinem Sohn vermacht haben könnte.3 Tatsächlich hatte Mencke aber mindestens eine weitere Reise in den Südpazifik unternommen.

Zeitungsartikel anlässlich des Todes von Bruno Mencke legen nahe, dass dieser bereits direkt im Anschluss an seine Schulzeit eine Reise in die Südpazifikregion unternommen, aber abgebrochen hatte, als ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters erreichte.4 Diese Unternehmung lässt sich allerdings nicht durch weitere Quellen belegen. Eine erste belegbare Reise in den Südpazifik unternahm Bruno Mencke im Jahr 1898. Sein Name befindet sich auf einer Liste von Passagier:innen der „Königin Luise“, eines Schiffes der Norddeutschen Lloyd, das am 5. Januar 1899 in Sydney anlegte. Wahrscheinlich hat er sich dort Mitte Januar auf der „Archer“ eingeschifft und eine Rundreise durch den Südpazifik angetreten, die im Mai des Jahres wieder in Sydney endete.5 Dass Bruno Mencke bei dieser Reise auch Kulturgüter erwarb, belegt ein Brief des Direktors des Berliner Völkerkundemuseums, Dr. Felix von Luschan, an Menckes Rechtsvertreter, Wilhelm Meyer, vom Dezember 1901. Außerdem schrieb von Luschan, dass neben dem Berliner Völkerkundemuseum auch das Provinzialmuseum Hannover und das Ethnografische Museum Stuttgart (heute Linden-Museum) Sammlungsobjekte erhalten hätten.6 Kontakt hatte Mencke dort zu den Direktoren Jacobus Reimers und Karl Graf von Linden. Laut Unterlagen aus dem Stuttgarter Museum erwarb Mencke einen Teil der Objekte von Max Thiel, zu jener Zeit Teilhaber von Hernsheim & Co und ethnographischer Sammler, der auch das vielbesprochene Luf-Boot nach Berlin verbrachte.7 Ein weiterer Teil soll bei den Plantagenbesitzer:innen Richard und Phoebe Parkinson gekauft worden sein.8

Für seine zweite belegbare Reise, auch als „Erste deutsche Südseeexpedition“ bezeichnet, kaufte Mencke die ehemalige Dampfjacht des Fürsten von Monaco und ließ diese kostspielig umrüsten. Für sein Vorhaben war das Schiff allerdings grundsätzlich nicht geeignet.9 Bei der Ausrüstung der Jacht ließ sich Mencke von Ernst Tappenbeck beraten, dem „Veteran der Südsee“, der ihn auch bei der Vermittlung der bereits gesammelten Objekte unterstützt hatte.10 Als Team warb Mencke Oskar Heinroth als Schiffsarzt und Ornithologen, Georg Duncker als maritimen Zoologen, der bis dahin im Zoologischen Garten Hamburg tätig gewesen war und Paul Kothe, den Präparator des Berliner Naturkundemuseums, an. Am 13. August 1900 legte in Neapel die, nun nach dem Vater Bruno Menckes benannte „Eberhard“ in Richtung Bismarck-Archipel ab.11 Im Dezember desselben Jahres ließ Mencke durch das Handelsunternehmen von „Queen“ Emma Forsayth Coe, die häufig als Mittelpunkt der kolonialen Gesellschaft Deutsch-Neuguineas bezeichnet wird, eine erste Sammlung nach Berlin schicken.12 Anschließend begleitete der damalige Kolonialgouverneur, Rudolf von Bennigsen jr., Mencke auf eine kurze Forschungsfahrt an der Südküste Kaiser-Wilhelm-Lands, heute Neuguinea. Ohne von Bennigsen jr. landete das Team im März 1901 auf den St. Matthias Inseln. Hier schlugen sie ein Camp auf, welches am 31. März von Teilen der lokalen Bevölkerung angegriffen wurde. Vermutet wird gemeinhin, dass das Abholzen von Kokospalmen Ursache für den Angriff gewesen sei. Dabei starben zwei lokale Kolonialpolizisten sowie Ludwig Walther Caro, der als Privatsekretär erst spät zur Expedition hinzugestoßen war. Am 2. April 1901 erlag zuletzt auch Bruno Mencke den Folgen der erlittenen Verletzungen. Bestattet wurde er auf dem Friedhof von Rabaul im heutigen Papua-Neuguinea. Im Anschluss an die Auseinandersetzung auf den St. Matthias Inseln ordnete von Bennigsen als Rache für den Angriff eine „Strafexpedition“ dorthin an, bei der über 80 Menschen getötet wurden.13

von Tillman Hennies


1 Vgl. Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, S. 69; Todesanzeigen und Bericht über die Bestattung Eberhard Menckes, in: Hannoverscher Courier 8., 9. und 10. Mai 1896; Bericht über den Tod Eberhard Menckes, in: Hannoverscher Anzeiger vom 9. Mai 1896. S. 2.
2 Vgl. Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, in: Baumann, B., Poser, A. von (Hrsg.): Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart, Dresden 2016, S.69.
3 Vgl. Niedersächsisches Landesmuseum Hannover: NLMH, FB Ethnologie, Schriftenarchiv, Workshop Sammlungsbiographie Mencke, Bruno Mencke - Erbe und Stifter.
4

Vgl. Monday, 29th April. In: The Straits Times, 29. April 1901, S. 2. URL: eresources.nlb.gov.sg/newspapers/Digitised/Article/straitstimes19010429-1.2.3 [Abgerufen am 04.03.2022].


5

Vgl.: o.A.: The murder of Herr Mencke. Close of a romantic career. In: The Argus, 1. Mai 1901, S. 4. URL: trove.nla.gov.au/newspaper/article/10548418 [Abgerufen am 04.03.2022].


6 Vgl. Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin: SMB-ZA, I/MV 0659, zu E 1373/1901, Von Luschan, an Wilhelm Meyer, 7.12.01.
7 Das besagte Boot von der Insel Luf wird in der Ausstellung des Berliner Humboldt Forums, welches im Jahr 2020 eröffnet wurde, als Attraktion präsentiert. In seinem 2021 erschienen Buch „Das Prachtboot“ kritisierte der Historiker Götz Aly die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dafür, dass sie es bislang versäumt hat, die Herkunft und die Erwerbsumstände des Bootes zu klären. Alys Recherchen zufolge muss das Boot als koloniales Raubgut gelten. Vgl. Götz Aly: Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten, Frankfurt a.M. 2021.
8 Vgl. Grimme, Gesa: Provenienzforschung im Projekt „Schwieriges Erbe: Zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen“ - Abschlussbericht, Stuttgart 2018, S. 50.
9 Vgl. Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, S. 69.
10

Vgl. Knowles, Chantal/Gosden, Chris/ Lienert, Heide: German Collectors in South-west New- Britain, 1884- 1914; in: Pacific Arts No. 21/22 (2000), S. 45. URL: www.jstor.org/stable/23411113 [Abgerufen am 04.03.2022].


11 Vgl. Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, S. 69.
12 Vgl. Künkler, Eva: Wissenstransfer in einem kolonialen Netzwerk. Der Kolonialbeamte, Forscher und Sammler Rudolf von Bennigsen, Masterarbeit, Hannover: Leibniz Universität Hannover, 2016, S. 73.
13 Vgl. Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, S. 69 und Fischer, Hans: Randfiguren der Ethnologie. Gelehrte und Amateure, Schwindler und Phantasten, Berlin 2003, S. 70.

 


Quellen und Links

Printquellen:

 

Aly, Götz: Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten, Frankfurt a.M. 2021.

Fischer, Hans: Randfiguren der Ethnologie. Gelehrte und Amateure, Schwindler und Phantasten, Berlin 2003.

Grimme, Gesa: Provenienzforschung im Projekt „Schwieriges Erbe: Zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen“ - Abschlussbericht, Stuttgart 2018.

Knowles, Chantal/Chris Gosden/ Heide Lienert: German Collectors in South-west New- Britain, 1884- 1914; in: Pacific Arts No. 21/22, 2000. URL: www.jstor.org/stable/23411113 [abgerufen am 04.03.2022].

Künkler, Eva: Wissenstransfer in einem kolonialen Netzwerk. Der Kolonialbeamte, Forscher und Sammler Rudolf von Bennigsen, unveröffentlichte Masterarbeit, Hannover: Leibniz Universität Hannover, 2016.

Poser, Alexis von: Sammlerbiographie Bruno Mencke, in: Bianca Baumann/ Alexis von Poser (Hg.): Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart, Dresden 2016, S. 69.